Quelle: Antonia Pfaff, Thüringer Allgemeine/ Eichsfeld vom 27.06.2019

Leinefelder Leibniz-Gymnasiasten thematisieren Holocaust und Tagebuch von Anne Frank. Emotionale Buchlesung über Helferin Miep Gies.

Es ist ganz ruhig im Raum. Die Luft ist zum Zerreißen gespannt. „Meine Zeit mit Anne Frank“, durchdringt Daniela Bethge mit fester Stimme die Stille. Gespannt und konzentriert blicken die Schüler nach vorne. Denn dort sitzen die Darsteller des jungen Theaters Nordhausen Christopher Kügelgen, Daniela Bethge und Eva Lankau. Sie stellen im Leinefelder Leibniz-Gymnasium das Buch „Meine Zeit mit Anne Frank“ von Miep Gies vor. Die drei Akteure tragen bewusst schwarze Kleidung, auch die Tischdecke ist in schwarz gehalten, um die Wichtigkeit und Bedeutung der Lesung zu unterstreichen.

„Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten“, liest Daniela Bethge weiter, die anfangs in die Rolle von Miep Gies schlüpft. Denn Letztere ist eine Helferin der 1942 untergetauchten Familie Frank. Dabei betont sie gleich zu beginn: „Ich bin keine Heldin.“ Miep Gies ist 1909 in Wien geboren und zieht 1920 in die Niederlande nach Amsterdam. Denn dort soll das zu magere Kind im Rahmen einer Hilfsaktion wieder zu Kräften kommen. Doch aus der vorübergehenden Unterbringung des Kindes wird ein Umzug. Mit 18 Jahren arbeitet sie als Typistin, allerdings wird sie nach sechs Jahren aufgrund der Wirtschaftskrise entlassen. Wenig später erhält sie die Möglichkeit als Prokuristin tätig zu werden. Beim Vorstellungsgespräch lernt sie Otto Frank kennen, der sie auch einstellt.

Die Akteure des Theaters schlüpfen während des Lesens immer wieder in andere Rollen, arbeiten mit der Stimme, übertreiben dabei aber keinesfalls. Auf authentische Art und Weise bringen sie die Gefühle, Sorgen und Ängste von Miep Gies aber auch der Familie Frank rüber. Zum einen durch kurze Dialoge zwischen den handelnden Personen, zum anderen in dem sie die Situation vor und während des Zweiten Weltkrieges wiedergeben, so wie Miep Gies diese in ihrem Buch detailliert beschreibt. Sie ordnet ihre eigenen Erlebnisse und Begegnung und teilweise die der Familie Frank immer wieder in den historischen Kontext ein. Dazu gehört auch die sich langsam zuspitzenden Lage für die Juden in Amsterdam.

Am 5. Juli 1942 bekommt Margot Frank einen Aufruf zum Arbeitseinsatz in Deutschland. Der Tag, an dem die Familie Frank untertaucht und in das Hinterhaus zieht, war gekommen. Der Plan ist zu dem Zeitpunkt schon längst geschmiedet, Miep Gries ist eingeweiht. Die Nordhäuser Gäste zeigen zu ihrem Vortrag auch Bilder der Familie und des Hauses, damit sich die Schüler die Situation vorstellen können. Im Buch beschreibt die Helferin, dass es klein ist und die Räume voller Kisten stehen. Zwischen 8 und 18 Uhr darf sich Familie Frank kaum bewegen, keine Toilettenspülung benutzen und auch sonst müssen sie sich sehr ruhig verhalten, um nicht entdeckt zu werden. Vier Helfer agieren gemeinsam, um die jüdische Familie versteckt zu halten und sie kontinuierlich mit Lebensmitteln zu versorgen. Natürlich spielt gerade in diesem Abschnitt das Tagebuch von Anne Frank eine besondere Rolle. Miep Gries beschreibt es als eine enge Beziehung zwischen der Jugendlichen und ihrem Buch. Jeder akzeptiere auch, dass Anne beim Schreiben nicht gestört werden will. „Über dich schreibe ich auch“, habe Anne zu Miep Gies gesagt, als sie die Jugendliche zufällig stört. Der 4. August 1944 ist dann ein einschneidendes Erlebnis: Familie Frank und weitere Untergetauchte werden verhaftet und abgeführt. Miep Gies findet wenig später das Tagebuch von Anne Frank und die vielen Zettel, die sie geschrieben hat. Sie bewahrt sie auf, um sie Anne zurückzugeben. Doch Anne kommt nicht zurück, ebenso wie ihre Mutter Edith und Schwester Margot. Nur Otto Frank überlebt.

Und wieder herrscht Stille – keiner spricht, keiner klatscht. Die Lesung ist beendet. Nach über einer Minute reagieren die ersten Schüler und beginnen zaghaft zu applaudieren. Nun steht noch eine thematische Auseinandersetzung mit der emotionalen Lesung an.

Die Jugendlichen sind bereits in Mittelbau-Dora gewesen und beschäftigen sich mit dem Holocaust. Janine Haase, Luca Sophie Seifert und Robert Seifert geht die Lesung sehr nah. Natürlich, geben sie zu, sei Mittelbau-Dora schlimm gewesen. Allerdings sei das persönliche Schicksal viel ergreifender. Und Robert Seifert kann sich auch durchaus vorstellen, dass es erneut so eine Situation geben kann, alleine beim Blick in die USA und der Krise mit dem Iran.

Allerdings können sich die 15-Jährigen nicht vorstellen, jemanden über einen so langen Zeitraum zu verstecken. Alleine wegen der Versicherungen und der laufenden Verträge, so die Schüler. Sie hätten sich sehr intensiv mit dem Holocaust beschäftigt und diese emotionale und persönliche Lesung rege sehr zum Nachdenken an.

Persönliches Schicksal bewegt Schüler in Leinefelde